Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass ich ein Laie auf diesem Gebiet
bin. Ich habe durch den Kontakt mit einem Aphasiker erstmals von dieser
Störung erfahren und wollte einfach mehr wissen. Deshalb habe ich mich ausführlich
mit Literatur zum Thema "Aphasie" beschäftigt, um mein Wissen zu erweitern.
Besonders sei an dieser Stelle auf das Buch von
Luise Lutz "Das Schweigen verstehen" verwiesen: es bietet
einen umfangreichen Überblick und sensiblen Einblick, über die Probleme,
die mit der "fehlenden Sprache" in Zusammenhang stehen.
Außerdem hätte ich gerne Kontakte zu Menschen, die ebenfalls mit Aphasikern
arbeiten oder leben. Je intensiver ich mich mit dem Thema "Aphasie" auseinandersetze,
um so mehr wächst mein Interesse nach meinem Referendariat eine Ausbildung
oder einen Aufbaustudiengang zu absolvieren. Ich habe aber gelesen, dass
bei der Logopädenausbildung die Aphasien nur einen kleinen Teil der Ausbildung
darstellen. Leider weiß ich - außer über das Studium der Klinischen
Linguistik - ziemlich wenig darüber, welche Möglichkeiten ich hätte...
Über einen regen Austausch bzw. Informationen würde ich mich sehr freuen.
Schreiben Sie mir doch einfach unter:
mail@claudia-menzel.de

Was ist Aphasie?
Als Aphasie bezeichnet man vereinfacht den "Verlust der Sprache".
Das heißt, dass Menschen, die die Sprache bereits gelernt haben, sie infolge
einer Hirnschädigung "verlieren". Diese durchaus gängige Definition des
"Sprachverlustes" trifft die Aphasie jedoch nicht wirklich, da die Sprache
nicht wirklich "verloren" ist, sondern nur der Zugriff darauf behindert
ist.
Helmut Ruge beschreibt das in seinem Buch "Der Aphasiker und seine fachpädagogische
Rehabilitation" folgendermaßen:
Diese Art der Definition beschriebt eine andere Einstellung zur Aphasie
und nimmt sie nicht als unabänderlich hin ;-)
Aphasie betrifft...
I. alle Teile des abstrakten Sprachsystems
(das Programm),
II. alle Sprachmodalitäten (Sprechen, Verstehen,
Lesen, Schreiben, Gestik),
III. die Zusammenarbeit dieser Modalitäten.
Welche Erscheinungsformen gibt es?
Es gibt verschiedene Formen der Aphasien. Meist
kommt es jedoch nicht zu einzelnen Aphasietypen, sondern zu Mischformen.
Die, folgenden Typen charakterisieren die Aphasie also nur in der "Reinform"
kommen so aber nur sehr selten vor.
Die globale Aphasie
Eine globale Aphasie entsteht, wenn in der linken Hemisphäre der
Hauptstamm der mittleren Hirnarterie (Arteria cerebri media) beschädigt
ist. Die dabei betroffene Region regelt sonst den größten Teil aller sprachlichen
Prozesse.
Die Äußerungen fehlen entweder ganz oder sind schwer verständlich. Sie bestehen
aus Sprachautomatismen, Stereotypien, mühsam hervorgebrachten Einzelwörtern
oder Aneinanderreihung von Silben oder Wortfolgen. Auch das Verstehen ist
schwer gestört und bessert sich nur langsam. Die Lesefähigkeit ist ebenso
wie die Schreibfähigkeit, genauso betroffen und schwer gestört.
Die Broca-Aphasie
Die Broca-Aphasie wurde früher auch "motorische Aphasie" genannt
und auch in heutigen Arztberichten und Lehrbüchern findet sich vereinzelt
noch immer diese veraltete Form. Die Broca-Aphasie tritt häufig dann auf,
wenn der Versorgungsbereich der Arteria praerolandica, einem Ast der Arteria
cerebri media, in der linken Hemisphäre verletzt wurde. Leitsymptom der
Broca-Aphasie ist die unflüssige, agrammatische, telegrammstilartige Sprache.
Dabei werden häufig Funktionswörter, wie Artikel, Präpositionen, Konjunktionen
etc. weggelassen. Das Sprechen bereitet dem Broca-Aphasiker große Mühe.
Er kann oft nur mit Schwierigkeiten Einzelwörter hervorbringen, die aber
im Zusammenspiel von Gestik und Mimik oft den Sinn erkennen lassen. Broca-Aphasiker
haben oft Mühe ein Gespräch zu verfolgen, da sie an einzelnen Wörtern "hängen
bleiben" und so dem Verlauf nicht weiter folgen können. Sie verlieren den
Gesprächsfaden. Broca-Aphasiker machen oft den Eindruck, dass sie alles
verstehen, da ihnen allgemeine Gesprächsregeln noch vertraut sind.
Häufig erkennen sie den Sinn eines Satzes jedoch nur aufgrund von Einzelwörtern,
den sinntragenden Wörtern. Hängt der Sinn einer Äußerung jedoch von Funktionswörtern
ab, geraten sie häufig in Schwierigkeiten.
Beispiel:
Die Mutter hat sich noch nicht gewaschen.
Die Mutter hat sie noch nicht gewaschen.
Solche Sätze sind für viele Aphasiker kaum unterscheidbar.
Die Wernicke-Aphasie
Folgende Symptome sind charakteristisch für die Wernicke-Aphasie
(nach POECK, 1987):
Die Sprachmelodie der Spontansprache ist bei Menschen mit Wernicke-Aphasie
normal, auch die Phrasenlänge und die Sprechgeschwindigkeit entsprechen
der Normalsprache. Auffällig ist jedoch, dass die Rede durch viele phonematische
Paraphasien ('Wortverdrehungen', z.B. Spille statt Spinne) und semantische
Paraphasien ('Wortverwechslungen' z.B. Stuhl statt Tisch) entstellt ist.
Es kommt zur Bildung von Neologismen (Wortneuschöpfungen) bis zur völligen
Unverständlichkeit der Sprache (phonematischer Jargon). Der Satzbau ist
bei der Wernicke-Aphasie stark gestört. Es kommt zu Satzabbrüchen, zu Verschränkungen
von Sätzen, zu fehlerhaften Kombinationen und Stellungen von Wörtern und
zur Verwendung falscher Endungsformen.
Auch das Sprachverständnis in der Unterhaltung ist erheblich gestört.
Dabei merken die Betroffenen auch nicht, dass ihre eigene Sprachproduktion
nicht richtig ist und können dann häufig nicht begreifen, warum ihr Gesprächspartner
sie nicht versteht. Sie suchen dann die 'Schuld' eher beim Gesprächspartner
als bei sich.
Im Gegensatz zu Menschen mit Broca-Aphasie haben Betroffene von Wernicke-Aphasie
in der Regel also kein Störungsbewusstsein und keinen verminderten Sprachgebrauch.
Man erlebt sie im Gegenteil häufig euphorisch und mit ungehemmten Rededrang
(Logorrhoe), d.h. sie können keine kurzen Antworten geben, sondern produzieren
einen ganzen Wortschwall.
Ein eindrucksvolles Beispiel für eine Unterhaltung mit einem Menschen
mit Wernicke-Aphasie findet sich bei LUTZ 1992:
Th.: Da wo Sie wohnen, haben Sie da
auch einen Garten ?
Pat.: Ha ah, das seh ich sofort hier
Th.: Ja, haben Sie da auch einen Garten? Da, wo Sie wohnen ?
Pat.: Ja, gäh äh ka ur ein geomer, ein teomer vin annern te eh
Th.: Ja ...
Pat.: Nech, also, mein schön kerger küksil im Sommer, jetzt um diese Zeit...
Th.: Ja ...
Pat.: Gehabt un so auch heute den bron denn ein ein für äh na et den oder
oder für mich denn für - Gott, wie schwer ist das denn !
Th.: Ich kann Sie immer noch nicht gut verstehen, leider ! Ich möchte so
gern, aber da kommen immer andere Wörter ...
Pat.: Ich weiß, aber aber ein mies da hab ich denn manches manches manches
so gelies gehakkert ja, ach ja, sach ich da stehn für halle sarge was ich
wußte ...
Die Schriftsprache ist in gleicher Weise gestört wie die Lautsprache.
Es treten häufig Überproduktionen von Buchstaben und Buchstabenkombinationen
auf.
Die Amnestische Aphasie
Die amnestische ist die leichteste Form der Aphasien. Folgende Leitsymptome
sind charakteristisch für dieses Störungsbild (nach POECK 1987):
Die Rede wird häufig durch Wortfindungsstörungen unterbrochen, wobei der
Sprechfluss und die Prosodie (Tonhöhe, Betonung, Lautdauer) gut erhalten
sind. Auch der Satzbau ist weitgehend intakt. Haben die Betroffenen Wortfindungsstörungen,
so kommt es zu Ersatzstrategien um dem Kommunikationspartner die Störung
nicht bemerken zu lassen. Ersatzstrategien können sein:
· Ersetzen der gesuchten Wörter durch ein Füllwort ("das Dings da")
· Nennen von Oberbegriffen (z.B. Buch statt Notizbuch, Tier statt Hund)
Beschreibung von Gebrauch oder Eigenschaft (z.B. Gürtel = "zum die Hose
zu halten", Bleistift = "zum Schreiben".
Es treten auch einige phonematische und semantische Paraphasien auf, wobei
letztere meist aus dem engeren Bedeutungsumfeld des Zielwortes stammen (z.B.
Löffel statt Messer).
Insgesamt wirkt die Rede der Patienten mit amnestischer Aphasie relativ
intakt, sie fällt jedoch durch ihren geringen Informationsgehalt auf. Das
Sprachverständnis ist meist kaum gestört.
Ein Beispiel für eine amnestische Aphasie aus Lutz 1992. Der Patient
soll das Bild eines Besens benennen:
Pat.: "Und jetzt wollen wir für Sauberkeit...äh,
sa an der Sauberkeit denken und nehmen uns einen ... einen scho scho einen
... einen ...(11 Sek. Pause) ... was wollen wir wollen zu Hause oder im
Geschäft wollen wir saubermachen und benutzen dazu einen Sch... einen ...
einen ... (6 Sek. Pause) ... einen ... wischen und nach dem Wischen kommt
das auf ... hoch tro ein trocken ein ... ja das ist ein Fehlei"
Typisch ist hier, dass der Betroffene versucht, sich selbst zu 'deblockieren',
also versucht durch Hilfen, wie Satzanfänge, irgendwie auf das Wort zu kommen.
Die Schriftsprache ist ähnlich beeinträchtigt, wie das Sprechen. Es kommt
also auch hier hauptsächlich zu Schwierigkeiten beim Benennen und somit
zu einem geringeren Informationsgehalt des Geschriebenen.
Regeln für Gespräche mit einem Aphasiker
Wie kann ich den Aphasiker besser verstehen?
1. Nur auf den Inhalt achten - die Form übersehen. Nicht ständig
verbessern. Korrekturen sind im täglichen Umgang "Verboten" und sollten
nur im Training eingesetzt werden, da Sprachhemmungen sich sonst weiter
manifestieren!
Nachsprechen ist keine echte Kommunikation. Nicht auf sprachlicher Äußerung
bestehen, auch nichtsprachliche akzeptieren.
2. Konzentrieren hilft nicht. Besser: Schlüsselsatz "Vielleicht kannst du
es später sagen!"
Sätze wie, "Jetzt konzentriere dich mal..." führen mit 95%iger Wahrscheinlichkeit
nicht zum Erfolg!
3. Zuhören bedeutet: Warten. Der Aphasiker braucht mehr Zeit für seine Äußerungen.
4. Sprechen steckt an. Das, was der Aphasiker sagt, wird häufig vom Gesprächspartner
beeinflusst. Nicht zu früh mit Wortvorschlägen helfen!
5. Mit dem Herzen hören. Darauf achten, ob die Absicht des Aphasikers verstanden
wurde.
6. Eselsbrücken benutzen.
Ein Wort, das nicht passt, nicht verwerfen - es könnte zum beabsichtigten
Wort hinführen.
7. Die Dinge sprechen lassen. Mitdenken und genaues Beobachten der Situation
helfen beim Verstehen.
8. Das Thema suchen. Gemeinsam mit dem Aphasiker herauszufinden versuchen,
worauf sich seine Aussage bezieht.
9. Durch die Sprache hindurchhören. Bei unverständlichen Äußerungen nicht
ständig unterbrechen - abwarten, dass sich der Sinn nachträglich ergibt.
10. Bei Persevationen ("Kleben bleiben" an einem Wort) ablenken. Bei hartnäckigen
Wortwiederholungen unterbrechen und ablenken.
11. Nicht aufgeben. Schlüsselsatz: "Wir werden es herausfinden - bitte,
fang noch mal an!"
Was kann ich tun, damit der Aphasiker
mich besser versteht?
1. Ruhe ist wichtig. Hintergrundgeräusche (Musik, andere Gespräche,...)
stören das Verstehen. Zweiergespräche sind leichter als Gruppengespräche.
2. Nonverbale Signale einsetzen. Neben Tonfall, Mimik und Körpersprache,
Schrift und Bilder einsetzen.
3. Lautstärke nicht erhöhen. Ruhig, nicht zu schnell, aber natürlich und
in normaler Lautstärke sprechen.
4. Den Wortlaut variieren. Bei Nichtverstehen andere Formulierungen wählen.
5. Kürze kann helfen. Je nach individuellen Möglichkeiten der Aphasiker
nach kürzeren Abschnitten
(Satzteilen, Sätzen, Texten) Pausen einlegen.
6. Ja-Nein-Fragen stellen. Offene Fragen und Alternativfragen sind oft zu
schwierig.
7. "Verhören" ist möglich: Prüfen Sie: "Habe ich wirklich verstanden?"
Nichtverstehen sofort signalisieren. Ihre Gesprächspartner erkennen nicht
immer, ob Sie alles verstanden haben.
Auf den Betroffenen achten. Halten Sie Augenkontakt.
